Das Doktorat ist gleichzeitig die oberste Stufe der akademischen Ausbildung und eine eigenständige Forschungstätigkeit. Als solches unterscheiden sich die Anforderungen und Bedürfnisse grundsätzlich vom Diplomstudium.
Grob gesagt herrschen im Doktorat im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich drei Profile vor:- Doktoratsstudierende, die als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im
Rahmen eines Forschungsprojekts in der Forschungsgruppe eingebunden sind. - Doktoratsstudierende, welche die Dissertation im klassischen
Betreuer/innen Dissertant/innen Verhältnis ohne finanzielle Unterstützung schreiben und - Doktoratsstudierende, die ihre Dissertation in einem Unternehmen
schreiben und dabei Teile der Forschungstätigkeit für das Unternehmen als Dissertation verwenden.
Die Probleme, oder positiver ausgedrückt die Verbesserungsmöglichkeiten, sind demnach vielschichtig gelagert. Doktoratsstudierende werden zuweilen zu forschungsfremden administrativen Tätigkeiten sowie einfachen Ausführ- und Hilfstätigkeiten im Umfeld der Forschung angehalten. Gerade im technischen Bereich bewegen sich viele Doktoratsstudierende im Spannungsverhältnis zwischen Verwertung geistigen Eigentums bzw. des Innovationsschutzes und der Veröffentlichung der Dissertation.
Vieles passiert im Doktorat in Österreich auch im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich mehr zufällig. Wenn man Glück hat, in die internationale wissenschaftliche Gemeinschaft eingebunden ist, die richtige Themenstellung bekommt, etc. dann wird die Arbeit an der Dissertation sehr gut vorangehen. Leider ist das nicht immer der Fall. Die Universitäten müssten vermehrt auf bewusstseinsbildende Maßnahmen und Förderung von Initiativen zur besseren Einbindung von Doktoratsstudierenden in die Scientific Community setzen; also auf die Förderung wissenschaftlichen Austauschs insbesondere im Bereich der Nachwuchsforscherinnen und Nachwuchsforscher, sowohl inneruniversitär als auch in Kooperation mit anderen Universitäten. Für Betreuerinnen und Betreuer sollte es eine Zusammenstellung von Empfehlungen geben. Inhalt dieser Empfehlungen können etwa eine Abklärung der Art der Tätigkeit und des Betreuungsverhältnis vor Beginn der Dissertation, Aufstellung eines groben Zeitplans soferne möglich, Absprechen von Regelungen und Alternativen falls sich die ursprüngliche Themenwahl doch nicht als geeignet herausstellt, Einbindung in die Scientific Community (Hinweise auf Konferenzen, Affiliation, etc.) sein. Dieser Leitfaden soll keinesfalls als Bevormundung oder Vorschrift gesehen werden. Der überwiegende Teil der Betreuerinnen und Betreuer ist sehr wohl interessiert eine sehr gute Einführung in die Forschung zu ermöglichen. Allerdings geht die Betreuung von Doktoratsstudierenden und deren Organisation zuweilen in anderen Aufgaben wie Lehre, Organisation und Forschung unter. Der Leitfaden soll eine Hilfestellung bieten und hinweisen, welche Aspekte in der Betreuung von Dissertantinnen und Dissertanten erfahrungsgemäß besonders zu beachten sind.
Auch österreichweit ist das Doktorat Thema in der Forschungs- und Bildungspolitik. Es gibt Tendenzen in Richtung eines falschverstandenen Imports des amerikanischen PhD-Systems. Vorgegebene Curricula und Lehrveranstaltungen im Doktorat sowie institutionelle Angebote ("Graduiertenkollegs") sollten in erster Linie als Angebot verstanden werden, nicht als Zwang. Der Abschluss eines Doktoratsstudiums ist in vielen Bereichen, insbesondere im technischen-naturwissenschaftlichen Bereich, von einer outcomes-basierten Perspektive aus gesehen, im allgemeinen international zu PhD-Abschlüssen äquivalent. Nach dem Leitmotiv einer forschungsgeleiteten Lehre werden in vielen Studienrichtungen für die Dissertation notwendige Fachkenntnisse zu einem großen Teil bereits in einem Magister- bzw. Diplomstudium erworben, welches die Voraussetzung für die Zulassung zum Doktoratsstudium darstellt. Dennoch wurden zuletzt "PhD-Studien" mit 240 ECTS Punkten in einer Verordnung des Ministeriums zum sogenannten "Formelbudget" bevorzugt. Im Interesse der Doktoratsstudierenden muss die Politik auf solche Widersprüche aufmerksam gemacht werden. Es braucht daher auch österreichweit eine Interessensvertretung für Doktoratsstudierende und Nachwuchsforscher/innen, welche die Stimme der Doktoratsstudierenden in den Gestaltungsprozess im Forschungs- und Bildungsbereich einbringt. Aber auch abseits der "großen" Forschungs- und Bildungspolitik gibt es viel, was man im Kleinen verbessern kann. Seit einiger Zeit hat sich daher aus der Vernetzung der Studienvertretungen für das Doktorat eine österreichweite Initiative gebildet. Nun gibt es auch einen neuen Webauftritt: http://www.doktorat.at Wir verstehen uns explizit als fraktionsübergreifende Initiative zur Vernetzung von Doktoratstudierenden; wir laden alle Doktoratsstudierenden und Nachwuchsforscher/innen zur Mitwirkung ein. Dem Doktorat als Einstieg in die Forschung soll der Stellenwert in der Universitäts- und Forschungslandschaft zukommen, den es verdient.
(leicht modifizierte Fassung eines Artikels im HTU-Info, 2006 Anmerkung: März 2006 Nunmehr wurden die gesetzlichen Rahmenbedingungen geändert, der Begriff PhD ist nunmehr nicht mehr mit ECTS Punkten und Präsenzsstudium verbunden, was wir begrüßen. Siehe Glossar: PhD )
Siehe auch: Glossar: Studienplan Doktorat Angebot: Vorträge, Workshops zum Themengebiet Doktorat und NachwuchsforscherInnen |